Dienstag, 22. September 2009

Es ist deine Welt

Neulich nach der Arbeit war ich ein wenig in der Stadt unterwegs.  Ich bin so durch die Fussgängerzone gelaufen und habe dabei so viele Menschen wie möglich gegrüßt. Jeden, der das Pech hatte an mir vorbeizulaufen. "Hallo!" "Hey!" "Hi, wie gehts?". Ohne Zweifel total dämlich. Aber genau darum geht´s ja schließlich. Man hätte mich auch nicht für verrückter gehalten, wenn ich nackt durch die Straße getanzt wäre und dabei chinesische Volkslieder gesungen hätte. Es ist eben kein gesellschaftlich anerkanntes Verhalten, wenn man sich über die Regeln alltäglicher zwischenmenschlicher "Interaktion", wenn man es so nennen möchte hinwegsetzt. In Bussen ist es beispielsweise strengstens verboten mit anderen Leuten den Blickkontakt zu suchen. Was praktisch unmöglich ist, da sich Andere besser angepasst zeigen. Unauffälliges, leises Furzen ist natürlich erlaubt, aber nur solange sich die Würze im ganzen Bus verteilt. Genauso verboten ist es sich über eine bestimmte Lautstärke hinaus zu unterhalten. Wieso eigentlich? Es ist doch sonst jeder so interessiert an jeglichem Scheiß, solange dieser Scheiß nicht ihn betrifft.

Aber wirklich interessant ist die Reaktion der Menschen, wenn sie mit den dreisten Versuchen  solcher Outsider im alltäglichen Leben konfrontiert werden und diese auch noch ihren Spass daran haben sich zum Menschen zu machen in einer Welt, die von Zombies bevölkert wird. Und das so sehr, dass er seine Albernheiten (ironischerweise) per Internetblog veröffentlicht. Wie idiotisch.  Die meisten Menschen reagieren gar nicht. Es kommt keine Reaktion, es passiert einfach nichts. Selbst, wenn ich ihnen direkt in die Augen sehe und ihnen ein freundliches "Hallo" entgegenschicke wenden sie umgehend den Blick ab. Sie fokussieren sich wieder auf ihren Tunnelblick. Es ist fast so, als sei fast jeder da draußen in seiner eigenen Welt gefangen. Als sei diese Welt mit Scheuklappen allem gegenüber abgeschirmt. Total unflexibel und nicht fähig zu Interaktion. Sie sind mit der einfachsten Form verbaler Kommunikation schon überfordert und nehmen es kaum war. 
Natürlich leben wir alle in unserer eigenen Realität und sehen die Welt mit ganz eigenen Augen, jeder einzelne von uns. Das ist gut so. Allerdings neigen wir dazu unsere Welt stark einzugrenzen und unabhängig von dem zu sehen, was außerhalb unseres Kopfes passiert. Aber da ist keine fremde Welt, keine Welt außerhalb unseres Unbewusstseins. Lerne, dass es keine Diskrepanz zwischen der Welt gibt, die du kennst und der, die du unbeachtet lässt. Zwischen der Welt in deinem Kopf, und der um dich herum.  Es stellt deine Realität da. Und seine. Und meine. Und zwar alles! Es gibt genau so viele verschieden Realitäten, wie es Lebewesen auf dieser Erde gibt und wer weiß wie viele noch. Von München bis nach Hamburg, von Paris bis Washington, von dem beschissenen Kaff, in dem ich lebe, bis zu dem heißen  Tennisplatz auf einem Hoteldach in Dubai, es ist meine Welt! Meine Realität ist allumfassend. Ich will kein Zombie sein, ich möchte an meiner Umwelt teilnehmen. So und nicht anders lebt man charismatische Interaktion. Und nicht, wenn man in seinem kleinen, beschränkten Mikrokosmos vergammelt. Das Leben findet draußen statt. Draußen in deinem Kopf. Verinnerliche das eigentlich Bewusste, das du so viele Jahre ignoriert hast. Nimm den Verrückten wahr, wenn er dich das nächste Mal grüßt.

Mach ihn genau wie alles andere zu einem Teil deiner Welt, deiner Realität. Genauso wie du zweifellos ein Teil der seinen bist. Es heißt Weltsicht und nicht Tunnelsicht. Erweitere dein Sichtfeld!

Dienstag, 15. September 2009

Zivi-Tagebuch 15.09.09 - Ich höre Stimmen

...und sie sagen Ja. Ja. Ja. Ja. Ja. Ja. JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!!!!!!!!!!!!! Ich versuche sie zu einem "Nein" zu überreden, aber sie hören mir nicht zu.

Ich lebe in einer Welt, die sich nicht selbst definiert.

In einer solchen Welt leben Menschen, die sich nicht mehr definieren lassen.

Per Definition leben diese Menschen garnicht.

Jeder Schritt, den ich mache. Jeder Satz, der aus meinem Mund kommt. Nichts verfolgt mehr einen Zweck. Jeder verdammte Mensch in meiner Umgebung wandelt von Tisch zu Tisch. Die Servierte. Die Gabel. Das Glas. Nichts ist sicher.
Ja. Ja.

Es kommt mir vor, als wenn die beschissene Armee der Twelve Monkeys um mich herumhüpft. 
Ich gehe durch den Gang und bevor ich sein Ende erreiche, bleibe ich stehen. Da ist sie wieder. Die Armee. Die Untoten. Umherwandelnd, angetrieben von Nichts. Auch wenn das dem Grundsatz der Physik widerspricht. Energie kann nicht aus nichts entstehen.
Eine Frau steht apathisch vor einer Glastür. Redet mit sich selbst. "Hallo!" "Jetzt komm doch ma her, Mensch..." Ihr sich in der Scheibe spiegelndes Selbst zeigt außer Winken keine Reaktion. Eine andere Frau, mit dünnen, unglaublich verwehten Haaren watschelt von Tischchen zu Tischen und kommentiert in einem mir unbekannten Dialekt jegliche Handlungen der übrigen Personen. Der Bela Rethy der Irren unter den Alten. Manchmal lacht sie oder wirft mit einem Schaumstoffball die Gläser um.
Ich sehe im Aufenthaltsraum umher. Ein Kumpel von mir versucht im Wahn noch seine Aufgaben zu erfüllen. Er hält eine Holzente vor die Augen einer Frau als reiche er ihr etwas zu Essen an. Sie öffnet ihren Mund in automatisierter Manier. Es muss eine eingebrannte Handlungsweise sein. Physisch verwachsen. Tiefergehend. Vor dem Verfall des Gehirns bewahrt. Vermutlich würde dieser Reflex noch anspringen, wenn sie in ihrem Sarg läge und man ihr leicht übers Gesicht haucht, so dass sie nur einen leichten Luftzug vernimmt. Er setzt die Holzente ab, der Mund schließt sich. Dann erhebt er die Holzente wieder, der Reflex schlägt erneut an. Das geht so lange so, bis tatsächlich ein Hauch von Bewusstsein in der Frau aufkeimt. "Ja was denn jetzt?" Zugegeben, ein starkes Bewusstsein kann diese zeitweise Anwesenheit nicht sein.

Da ist diese weitere Frau. Sie brabbelt. Mal geistesgegenwärtig, mal abwesend. Aber immer leise und unverständlich. Stellt euch ein völlig übermüdetes, besoffenes Kleinkind vor. Sie kann praktisch nicht mehr laufen. Deswegen ist sie immer festgeschnallt. Jedoch versteht sie das nicht, oder merkt es nicht. Oder sie traut sich zu sich selbst aus dieser Zwangsmaßnahme zu befreien. Und so rückt sie quer durchs Zimmer. Immer halb im stehen. Mit aller Kraft versucht sie sich aus dem Stuhl zu hieven und schiebt sich dabei selbst nur hin und her.

...Wenn diese "Menschen" nicht gerade versuchen anderen Menschen die Servierten zu klauen oder aus ihren Gläsern zu trinken.

(Ladies and Gentlemen, herzlich willkommen zum Philosophiekongress 2009! Wir beginnen mit dem Thema: "Was macht einen Menschen aus?" Durchgeknallte Alte bleiben bitte still schweigende, unbeteiligte Zuhörer) 

"I´m the bad guy who makes fun of people that die."

Dienstag, 8. September 2009

Nur keine Angst!

Früher oder später lernt sie jeder kennen. Die Angst. Und auf die ein oder andere Weise sind wir gezwungen mit ihr umzugehen. Die einen laufen vor ihr davon, die anderen drücken sie an die Wand und reißen ihr die Wäsche runter..

Sie tritt in den unterschiedlichsten Formen auf. Der eine kennt sie als das taube, schmelzende Gefühl in den Knien, kurz vor dem Ansprechen einer Frau. Oder vor dem Sprechen vor einem großen Publikum. Was könnte man von mir denken? Oh nein, ich spüre schon, wie ich rot werde… Manche Menschen umbauen ihr ganzes Leben mit massiven Mauern aus dieser Angst vor Kritik und sozialer Ablehnung. Wiederum andere sind scheinbar unfähig zu handeln und das Leben zu führen, das sie sich wünschen. Wie versteinert sehen sie mit an wie ein Übel dem nächsten zu folgen scheint. Durch Verunsicherungen bleiben sie gefangen in immer weiteren schlechten Erfahrungen. Sie sind gelähmt und nicht in der Lage sich aus ihrem Teufelskreis zu befreien, der sie schließlich in ihre wie auch immer geartete Isolation treibt. Sei es die soziale Isolation oder sei es der berufliche Rückzug, der die Menschen dazu bewegt nichts zu riskieren und in angewöhnten Schemata zu verharren, obwohl sie mit ihrer Situation unzufrieden sind. Es ist ja auch viel zu bequem nichts zu tun und Resignation zu üben.
Das Fundament jeglicher Grenzen, die wir uns setzen ist schlicht und ergreifend Angst. Pur. Blank. Einfach Angst. Aber wir allein setzen uns unsere Grenzen. Wir sind für sie genauso verantwortlich wie für die Angst, auf der sie gründen. 
Also was sind das für Menschen, die der Angst scheinbar unbeeindruckt gegenüberstehen? Haben sie möglicherweise einfach keine Angst? Es können ja schlecht alles suizidgefährdete Nihilisten sein, bereit alles aufzugeben. Nicht mehr fähig zu träumen. 
Aber warum machen sich so wenige Gedanken über die Möglichkeiten, die sich uns auftun, wenn wir unsere Ängste kennen? Einen Gegner, den man nicht kennt kann man auch nicht besiegen. Doch mit jedem Gegner, den man besiegt wächst man ein kleines Stück und bewegt sich Schritt für Schritt weiter in Richtung Unabhängigkeit. Es gibt kaum etwas Stärkenderes und Berauschenderes, als das Gefühl eines Triumphs nach einem harten Kampf, der echte Überwindung gekostet hat. Was bedeutet das also? BINGO! Jede Angst, der man sich stellt, ist bereits ein Triumph für sich. Man hat Mut bewiesen und sich nicht einfach verkrochen. Angst ist etwas Großartiges. Sie stellt eine Möglichkeit dar unseren Geist und unser Selbstvertrauen nachhaltig aus unserem persönlichen Inneren heraus zu stärken. Vollkommen ignorant gegenüber äußeren Einflüssen. Jeder Mensch sollte lernen sie zu lieben. Es ist doch letztlich ohnehin viel zu langweilig, den Dingen, die uns reizen immer nur aus dem Weg zu gehen. Ein freier, unabhängiger Mensch achtet nicht auf potenzielle Rückschläge, sondern sieht die Möglichkeiten und ist bereit sie zu nutzen.
Es sagt keiner, dass es einfach ist die Momente der Schwäche abzupassen und in Stärke zu verwandeln. Aber mal an uns Männer: Wir sind nicht umsonst rationale Denker. Es lohnt sich durchaus, sich Gedanken darum zu machen, was passieren könnte, und was dies wiederum bedeuten würde… Wie sieht das bei dir aus!? Na also, ist doch halb so schlimm! Oder fällt dir tatsächlich eine Situation ein, die dich aus der Bahn werfen könnte, wenn du mal in Ruhe über die Möglichkeiten nachdenkst, die sich auf der anderen Seite auftäten? Nein, genau. Also kein Grund zur Panik. Solange man sich in jeder Situation der Angst kurz überlegt, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wird man schnell feststellen, dass alles halb so schlimm ist und die Situation das Adrenalin nicht wert ist, das dank ihr ausgeschüttet wird. Susan Jeffers beschreibt diese Überlegungen in ihrem Buch “Selbstvertrauen gewinnen”. Der elementare Grundsatz, den man immer im Hinterkopf haben sollte lautet, sich selbst zu sagen, dass man keine Angst zu haben braucht. Man weiß, dass man selbst mit der schlimmsten Situation, mit der man konfrontiert werden könnte, fertig wird. Diese Einsicht ist zusätzlich hilfreich die kleinen Sticheleien des Alltags als das zu sehen, was sie sind: unbedeutend und klein. Warum sollte man auch zulassen, dass das Wetter Einfluss auf die Stimmung hat oder irgendwas anderes Unwichtiges wie ein vergessenes Handy? Es sind doch alles bloß Kleinigkeiten, die denen man fertig wird. Also warum aufregen? Es ist eine starke Fähigkeit die Dinge so zu nehmen wie sie sind und “Ja!” zu sagen. Nicht weitere Gedanken an das “Was-wäre-wenn?” zu verschwenden. Das hat noch niemandem weitergeholfen. Aber auch das ist nicht einfach, es kommt nicht von heute auf morgen. Doch wenn es erstmal soweit ist und diese lästige Stimme im Kopf abgestellt ist, wird es um einiges leichter die Dinge so zu verändern, wie man will. Es ist nur möglich eine Richtung einzuschlagen, wenn man weiß wo man sich befindet und wohin man gehen will.

Donnerstag, 3. September 2009

Malle - Hangover 2008

"So ist das nämlich bei Schlaflosigkeit: Alles ist so weit weg, die Kopie einer Kopie einer Kopie."

Diejenigen unter euch, die den Film "Fight Club" oder das gleichnamige Buch kennen, sollten mit dieser Aussage etwas anfangen können. Doch so verhält es sich nicht nur bei Schlafmangel, sondern auch wenn man permanent einen gewissen Pegel an Alkohol im Blut hat. So war es bei uns. Letztes Jahr war ich mit NakedDevil, Morpheus und Anus für zwölf Tage auf Mallorca, genauer gesagt in Cala Radjada. Ihr könnt es nennen wie ihr wollt, aber dieser Trip lässt sich mit nichts so schlecht beschreiben wie mit einem Wort: Urlaub. Bootcamp wäre passender, aber nicht mit Major Payne. Unser Drill-Instructor hieß Alkohol und seine Lieblingswaffe war die Bierbong. 
Die Kopie einer Kopie einer Kopie... Ihr müsst entschuldigen, dass ich hier nur noch einzelne, vermutlich zusammenhanglose Elemente dieses einzigen Exzesses wiedergeben kann, aber es ist ja gemeinhin bekannt, dass starker Schlafmangel ab einem bestimmten Zeitpunkt ähnliche Folgen wie Alkoholkonsum hat. Ich hoffe inständig, dass ihr nicht wisst, was los ist, wenn beides zusammenkommt.

Ich bin fest davon übezeug, dass die Basis für den Verlauf des ersten Abends nicht durch das Bier gelegt wurde, das wir auf der Fahrt zum Flughafen getrunken haben. Ich bin mir auch fast sicher, dass noch nichtmal die Wodka-Lemon Mische, die wir auf der Busfahrt zum Hotel bis zum Urin heruntergefiltert haben wirklich ausschlaggebend war. Nein, das alles hat zwar seinen Teil zum Ganzen beigetragen, aber der entscheidende Tropfen bestand aus Johnny Walker Red Label, wir kauften ihn im Duty free-Shop am Flughafen.

Aber wo wir gerade bei der Busfahrt sind, halten wir an dieser Stelle der Reise kurz an:
Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir auch ohne die Flasche Whiskey schon gehörig betrunken waren. Diese sollte erst im Hotel an der Reihe sein. Und was passiert, wenn man viel Alkohol trinkt? Genau, man muss oft und viel pissen. Da wir uns aber in einem schäbbigen Bus befanden, der nicht einmal ein richtiger Reisebus war und somit auch über keine Toilette verfügte, galt es seinen kreativen Geist anzuzapfen, falls einen ein dringendes Bedürfnis ergriff. Morpheus ergriff ein dringendes Befürnis. Da sein kreativer Geist aber schon seit einiger Zeit in einer mentalen Schlammlache lag und sich selbst ankotzte, war seine Idee auch nicht mehr besonders kreativ, geschweigedenn funktional. Zumindest nicht in seinem Fall. Er hat die Flasche schlichtweg nicht getroffen und daneben gepisst. Dummerweise saßen NakedDevil und ich in der Reihe vor Anus und Morpheus. NakedDevil war schon so stramm, dass er nicht mehr hörte, wie meine Turnschuhe auf dem von der nach vorne gelaufenen Pisse so rutschigen Boden hin- und herquietschen.

Im Hotel angekommen beschlossen wir, an diesem Abend nichts mehr zu unternehmen außer kurz in den Bierbrunnen, einen Biergarten (weniger Garten mehr Bier), zu gehen. Davon weiß ich nicht mehr wirklich viel. Allerdings weiß ich wieder, wie wir nach dem Bierbrunnen nackt auf dem Balkon von Anus und Morpheus Zimmer saßen und uns der Flasche Red Label annahmen. Irgendwie widerlig, da wir zum einen nichts zum Mischen hatten, zum anderen war der Whiskey lauwarm, da die Flasche die ganze Zeit im Koffer war. Aber was soll man machen, die Not treibt es rein. Anus hatte einen Langhaarschneider dabei und da wir alle, außer Nakeddevil um die Eier herum rasiert sind, überzeugten wir ihn "ihn" auch freizuschneiden. Sind die Blätter erstmal weg wirkt der Baum viel größer, ist doch klar. Irgendwann später, als wir dort immernoch saßen, zettelte der Alkohol in NakedDevils Körper ganz in Che Guevara-Manier eine Revolution an und versuchte das Unmögliche: Aus diesem Körper zu gelangen. Ein realistischer Plan, denn genau dies gelang auch. NakedDevil stürmte plötzlich los und wollte bei Anus und Morpheus in das Waschbecken kotzen. Gott weiß, wieso er nicht einfach das Klo nahm. Damit jedenfalls waren Anus und Morpheus nicht unbedingt einverstanden, also stürmte NakedDevil nackt, mit schlecht rasierten Eiern weiter über den Hotelflur in unser Zimmer und kotze bei uns in die Küchenspüle. Die Kotze stand noch drei Tage in der Spüle bis es schließlich die Putzfrau war, die sie weggemacht hat. Eigentlich war NakedDevils Plan gewesen seine oralen Ausscheidungen solange einzuweichen, bis sie einfach ablaufen könnten.
Die anderen sind dann auch irgendwann ins Bett gegangen, was so garnicht meiner weiteren Abendplanung entsprach. Nachdem ich zehn Sekunden im Bett gelegen hatte, entschied ich mich noch in einen Club zu gehen. Da ein paar unserer Freunde bereits mit einer anderen Gruppe hier waren, rief ich schnell einen von ihnen an und machte einen Treffpunkt aus. Ein wahres Wunder, dass ich ihn so schnell gefunden habe (zumindest glaube ich, dass ich ihn schnell gefunden habe). So gingen wir also zu den anderen in eine Disko. Der Abend war an dieser Stelle noch nicht vorbei. Ich weiß eben nur nicht mehr, wie es weiter ging. Einzig und allein ein Bild habe ich im Kopf, und zwar wie ich einen weiteren Kumpel auf der Tanzfläche sehe und begrüße.
Ich bin dann irgendwann recht früh morgens neben der Toilette, auf dem Badezimmerboden unseres Zimmers aufgewacht. Im Klo war noch Kotze, die ich wohl nicht weggespühlt hatte und die nun festgetrocknet war. Abgesehen von den leichten Rückenschmerzen hatte ich noch nie so gut geschlafen. Die Fließen waren angenehm kühl, trotzdem legte ich mich in mein Bett und schlief auch schnell wieder ein. Das nächste Mal wachte ich auf, als NakedDevil aufstand und zum Klo ging. Das ganze bekam ich nur ansatzweise mit, da ich noch ziemlich benebelt war. Was ich aber mitbekam war wie NakedDevil aus dem Badezimmer rief: "Staddicc, hab ich mir gestern Abend die Eier rasiert?"

Das Nächste, was ich wieder weiß, ist wie NakedDevil neben mir beim Rückflug geschlafen hat. Nein, so schlimm ist es dann doch nicht, aber es ist doch erstaunlich wenig, was ich noch auf die Reihe kriege. Das ganze ist ja nun auch schon über ein Jahr her und es ist eindeutig zu wenig um dazu einen zusammenhängenden Text zu schreiben,  daher werde ich die Höhepunkte an dieser Stelle einfach in Stichpunkten aufführen:

> Es ist unglaublich, an einem Tag hatte ich sogar noch einen Filmriss vom morgen danach. Ich fragte NakedDevil irgendwann vormitags, ob er eine Kopfschmerztablette für mich hätte. Ich erntete zunächst unverständliches Gelächter, bis man mich darüber aufklärte, dass ich am Morgen schon eine von ihm bekommen hätte.

>Mein Ernähungsrhythmus sollte hier auch unbedingt Erwähnung finden: Ich habe es geschafft in einem Malle"-urlaub" abzunehmen. Wie? Na mit Saufen natürlich! Aber nicht einfach nur saufen, sondern SAUFEN!!! Und zwar so exzessiv, dass man erst am nächsten Abend irgendwann um zehn Uhr wieder langsam anfangen kann stilles Wasser zu trinken, weil den ganzen Tag über jedes kleinste bisschen Etwas, was irgendwo in einer fernen Welt auch nur geringfügig an Nahrung erinnern  könnte, wenige Sekunden nach dem Verzehr sofort wieder seinen Weg an´s Tageslicht sucht. Schön war das nicht gerade, seitdem habe ich echten Respekt vor Models, die sowas praktisch von berufswegen machen.

>NakedDevil wäre nicht NakedDevil, wenn er seinem kleinen, vor kurzem rasierten Teufel nicht hin und wieder in der Disko gestattet hätte auch mal ein wenig zu tanzen. Ja, dieser Mensch holt seinen Schwanz tatsächlich mitten auf der Tanzfläche mallorcinischer Diskotheken raus.

>Unser Hotel. Einfach nur unser Hotel. Jede morsche Bretterbude im drogenbaronverseuchten Regenwald Columbiens ist schöner zu bewohnen als dieser Haufen Beton, in dem nichts funktionierte. Es gab nicht einmal schlechtes Essen. Es gab überhauptkein Essen in diesem Hotel. Im Hotelpool war Salzwasser und der Poolboy feierte dort regelmäßig nächtliche Swingerorgien mit irgendwelchen Milfs, wenn er nicht gerade säckeweise Salz in den Poll kippte.
Ganz abgesehen vom nicht vorhandenen Service. Ich habe den Hotelbesitzer nur einmal gesehen, als er bei uns vor der Tür stand und sagte, wir sollten nicht sturzbesoffen außen an der Hotelwand von einem Balkon zum anderen klettern. Das sei "gefährlich", wenn man voll ist wie ein einsamer Matrose. Diese iberische Logik... Außerdem habe ich einen Zimmerschlüssel verloren und NakedDevil und ich haben uns mit Fäusten und Tritten in den Schränken verewigt, als wir einmal Pöbelstimmung waren. Es hat niemanden interessiert. Naja, das alles war unseren Absichten eigentlich nur dienlich. So konnten wir uns wenigstens ungestört unseren Zielen widmen: Saufen und Party machen. Wir sind eben bescheiden und geben uns auch mit weniger zufrieden.

>Da wir auch immer unser Bier kaufen mussten, sammelten wir schnell große Mengen an leeren Glasflaschen. Ihr hättet das entgeisterte Gesicht der Putzfrau sehen sollen, die alle Flaschen in einen Sack getan hatte und sich hinterher fast einen Hexenschuss geholt hätte bei dem Versuch den Sack nach draußen zu wuchten.

>Kein wirklicher Höhepunkt: Wir haben mehrmals Dieter Bohlen getroffen.

>Ein ziemlich abartiges Detail dieser Zeit: Irgendwann ist NakedDevil zum Kacken bei uns im Zimmer verschwunden. Nach einer Weile kam er wieder: "Staddicc, wir haben übrigens kein Klopapier mehr."
"Und womit hast du dir dann den Arsch abgewischt???"
"Mit Kaffeefiltern. Es war NICHTS mehr da!" 
Und so mussten wir uns ungefähr einen Tag über Wasser halten, bis wir endlich Klopapier kauften. Am letzten Tag sahen wir, dass unten im Hotelflur massenweise Klopapier zur Selbstbedienung bereit lag.

Das wäre alles. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen. Haahaaaa! Der war gut, was!? Aber ihr dürft euch freuen, der nächste Malle-Trip liegt bereits hinter uns und es gibt viel zu erzählen...

Sonntag, 30. August 2009

Zivi-Tagebuch 30.08.09 - Immer diese Hektik...

Ob ihr es glaubt oder nicht, ich hatte dieses Wochenende schon wieder Dienst. Dementsprechend habe ich gerade Bock hier was zu schreiben, aber ich tu es trotzdem. Ich bin aber auch eine fleißige Sau...

Ich muss ehrlich zugeben: Ich durchlaufe gerade so eine Art Metamorphose. Ich verwandle mich immer mehr in einen klassischen Zivi. Dazu gehört allem voran, dass ich mir wirklich angewöhne alles so langsam wie nur irgendwie möglich zu tun, außer natürlich es erwartet mich die Pause oder Feierabend.

Letzte Woche wurde mir zum Beispiel die Aufgabe aufgetragen, eine Überweisung vom Arzt abzuholen, nachdem ich am morgen die Leute abgeholt und ausgeliefert hatte. Zu diesem Arztbesuch möchte ich, bevor ich das alles näher erläutere, gerne die wichtigsten Fakten zusammenfassen:
> Die Arztpraxis befindet sich in einem Dorf, ca. 6 km außerhalb der Stadt (wo sich mein Arbeitsplatz befindet)
>Ich war zu einer Zeit unterwegs, in der praktisch kein Verkehr ist
>Ich konnte mit dem schnellsten Auto fahren, das uns Zivis zur Verfügung steht und das vermutlich das Schnellste aller Autos ist, die sich im Besitz des Altenheims befinden (VW Caravelle; 130 PS)
>Ich habe es trotzdem geschafft eine geschlagene Stunde "beschäftigt" zu sein

Also wie vollbringt man ein derartiges Wunder? Ganz einfach. Man nehme den längsten zur Verfügung stehenden Weg, der einem einfällt. Dann hält man sich natürlich konsequent NICHT an die Geschwindigkeitsbegrenzung, sondern unterschreitet diese bedingungslos um mindestens 15 km/h, unabhängig davon wie viele Wagen die Autoschlange hinter einem bereits zählt und in wie vielen verschiedenen Tonlagen und Melodien die zahlreichen Hupen hinter einem spielen. (Und das ist gerade leider keine sexuelle Anspielung). Als nächstes gehe man jede Strecke die zu Fuss zu erledigen ist langsamer als ein einbeiniger Blinder mit Holzbein. Wenn man dann beim Arzt war und seine Pflicht erfüllt sieht begebe man sich im eingespielten Tempo zum Bäcker neben hier. Hier wird prompt... Pff, so´n Quatsch! Hier wird in aller Ruhe ausgesucht und irgendwann ein passendes belegtes Brötchen ausgewählt. Zusätzlich wird ein Kaffee bestellt... oder vielleicht doch Tee? Hmm..., gute Frage, jap. Tee! Nein, Moment. Kaffee, doch nicht! Eine lauwarme Milch in einer vorgewärmten Tasse. Das ist jetzt endültig! Also Tee, ich meine Kaffee!! Und wenn sich unser schizophrener Geist dann erst einmal entschieden hat steht, steht ihm nichts mehr im Weg. So bewegt man sich zum nächsten Stehtisch, an dem man zunächst den sich darauf befindlichen Flyer komplett durchließt. Anschließend trinkt man seinen Kaffee und isst das Brötchen. Aber natürlich nicht gleichzeitig, wir sind schließlich nicht auf der Flucht! Wenn man das dann alles endlich erledigt hat, begibt man sich auf langsamstem Wege zurück zum Auto und fährt, wie es sich für ein richtiges Altenheim gehört, schön in einem angebrachten Alte-Leute-Tempo zurück zur Dienststelle.

Aber dieser Tag war nicht durchgehend witzig. Es war eine tragische Situation, als ich dieses gnädige, gigantische, schon fast religiöse Mitleid empfand, das ich in meiner mittlerweile einmonatigen Zeit als Zivi, ja in meinem ganzen Leben, noch niemals für ein Lebewesen verspürt hatte. Tagtäglich habe ich mit alten Menschen zu tun, die noch totgeweihter sind, als es ein übergewichtiger, Fake-Redbull trinkender Fallschirmspringer ohne Fallschirm mit dem Namen Chev Chelios jemals sein könnte, aber diese Katze sah mir in die Augen und ich erkannte den tiefen Wunsch danach einfach zu sterben. Ihre Besitzerin bekommt von uns Essen und als ich es ihr mit einem anderen Zivi brachte erblickte ich das Grauen.Gott muss sein Sadist sein. Nur ein Sadist würde ein solches Monstrum auf die Erde loslassen. Dieses... Ding ist nicht einfach nur fett. Es sieht aus wie eine japanische Karrikatur einer Sven Ottke-Mops-Mischung mit dem unverwechselbaren Blick eines Carl Dall. Das eine Auge weit aufgerissen, das andere halb zu träge nach unten hängend und dazu dieser beißende Geruch nach Pisse in der ganzen Wohnung. Ehrlich, da stinkt´s wie auf einer Rastplatztoilette. Und zwar nicht die eines guten österreichischen Autobahnrastplatzes, sondern eine Toilette auf den buchstäblich beschissenen,  deutschen Rastplätzen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Katze oder die alte Frau für den Geruch verantwortlich ist. Zutrauen würde ich es beiden.

Einen Tag später musste ich für meinen alten Freund Herrn B. einkaufen. Auch war wieder angesagt, ein absolutes Maximum an Zeit sinnlos zu vergeuden. Und so fuhr ich mit meinem Wagen zum nächstgelegenen "Plus" und parkte in der Tiefgarage. Da ich ziemlich müde war kaufte ich so schnell wie möglich ein. Ich bedauerte es irgendwie, dass es für ihn nicht an der Zeit war, mal eine neue Zahnbürste zu kaufen. Du darfst genau einmal raten, was ich damit angestellt hätte. Wäre aber wahrscheinlich ohnehin sinnlos gewesen, da sich Herr B. ja nicht wäscht. Die noch vorhandene Zeit, die ich hatte bis man mich wirklich vermissen würde nutze ich für ein 20 minütiges Nickerchen im Auto. Manchmal würde ich mich so im Nachhinein gerne selbst beobachten... Stell dir mal vor, da liegt ein Kerl mit Sonnenbrille in seinem Auto in einer Tiefgarage und bewegt sich nicht, während das Radio läuft. Knock, Knock, Knocking on heaven´s door......
Nachmittags durfte ich mich wieder meinem neuen Hobby widmen Scheißebomben durch die Gegen zu karren. Da hatte ich schon gehörig die Fresse dick, aber damit nicht genug. Während ich da so den Wagen  mit den Müllsäcken vor mir herschiebe, quatscht mich auf einmal ein alter Einbeiniger im Rollstuhl von der Seite an, ich solle ihm einmal sechs Ziegelsteine beim Kaninchengehege vorbeibringen. Da ich ja quasi der Erzengel in Person bin, mach ich das, ohne seine bösen Absichten zu erahnen mich als unwissendes Werkzeug für seine diabolischen Machenschaften zu missbrauchen. Also hole ich die Steine und lade sie beim Rammlerkäfig ab. Wenig später traf ich ihn im Haus nebenan wieder...
Pensionierter Käpt´n Ahab: "Wo haste denn nu die Steine hingelegt?"
Staddicc alias ahnungsloses Werkzeug böser Mächte: "Da hinten auf das Dach von Kaninchenhaus."
Ahab: "Arrr..... Ne ne, das ist schlecht, leg die man da auf die Mauer, da vor´m Eingang!"

Und als ich ihm in Gedanken das noch vorhandene Bein dem bereits verloren Gegangenem anglich, rief auf einmal meine Chefin aus dem Fenster und fragte, was ich da mache. Ich erklärte ihr die Situation. 
Chefin: "Oh nein, um Gottes Willen. Der Gärtner dreht durch. Die Steine darf der Mann garnicht haben. Wenn sowas ist, bitte nicht darauf hören. Bringen Sie sie bitte wieder zurück."
Um meine Gedanken in diesem Moment mal in einem Wort zu beschreiben: AAAAAAAAHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!! 
Dieser verfluchte Einbeiner auf seinem scheiß Drehstuhl hat mich eiskalt verarscht!! Wenn du mir das nächste mal über den Weg rollst, hab ich garantiert ein paar Steine für dich, Freundchen!!

Trost fand ich bei Low, der zwar frei hatte, aber nachmittags mit Lady DSC, einer gemeinsamen Freundin vorbeikam. Lady DSC war vorerst das letzte Mal hier, denn sie zieht zwecks Studium in eine Stadt nahe Köln und wollte sich noch verabschieden, was ich superlieb von ihr finde.
Der Abschied war zwar nicht besonders lange, aber im Nachhinein habe ich mir doch noch den ein oder anderen Gedanken gemacht. Ich denke ich spreche für uns alle, wenn ich sage, dass du uns mit deiner freundlichen, leicht verwirrten Art wirklich fehlen wirst und der ein oder andere Abend ohne dich mit Sicherheit anders sein wird, als wenn du dabei wärst.  
Du bist ein wundervoller Mensch, ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft! Wir sehen uns bald wieder!

An alle außenstehenden Leser: Freut euch schonmal auf ein Hangover Teil 2, "Der Köln-Trip"



Donnerstag, 20. August 2009

Zivi-Tagebuch 18.08.09

Dieser Dienstag war der neunte von zehn Arbeitstagen am Stück und in mir regte sich langsam das Bedürfnis nach Wochenende und ein wenig Freizeit. Dieser Tag war eigentlich nicht besonders außergewöhnlich, ich versuchte ihn einfach so schnell und so locker wie möglich rumzukriegen.

Der eindeutige Höhepunkt war aber Waldis und mein Ausflug in die Tagespflege. Hier befinden sich die Leute, die wir morgens holen und nachmittags wieder nach Hause bringen. Da wir auch in diesem Bereich ein wenig eingearbeitet werden sollten, hatte man uns gesagt in Zukunft zwischendurch mal dort vorbeizugucken. Diese Aufgabe sollte sich als sehr sinnfrei erweisen, da wir schnell realisierten, was hier unten wirklich passierte: Nichts. Ich habe nie eine derart entspannte Arbeitsatmosphäre gesehen, wobei Arbeitsatmosphäre das falsche Wort ist.  Schlichtweg Atmosphäre würde es wohl besser treffen. Dort gab es einfach so dermaßen wenig zu tun, dass ich mich ernsthaft fragte, welcher Mensch offenbar so sehr von psychedelischen Drogen beeinflusst wurde, dass er uns als Verstärkung dort hinunterschickte. Wie auch immer.... Über einen alten Bekannten freute ich mich besonders. Dass sich diese Freude allerdings nur auf eine der zwei Seiten beschränkte wurde mir klar, als die Bekanntschaft anbot mir ihren Kuchen an den Kopf zu werfen. Ihr ahnt es sicherlich schon, ich spreche von Herrn B.
Provokant wie eh und je und besonders ausdauernd darin, wenn es darum geht mich dämlich anzustarren. Ein überdimensional breites Grinsen mit den Worten "Lassen sie sich ihren Kuchen schmecken Herr B.!" war seiner guten Laune nicht gerade dienlich, eher der schlechten. 

Herzhaft lachen konnte ich, als ich Frau S. ihren Kaffee eingoss. Diese Frau griff ohne zu zögern zu dem Apfelsaft und schenkt ein. Oder besser "schenkte hinzu". Nämlich zu ihrem Kaffee. Mir viel es schwer mich zu beherrschen und als ich den Tränen nahe war, fragte ich sie wieso sie sich ihren Kaffee denn mit Apfelsaft verfeinern würde. Sie brabbelte etwas nur halb Verständliches, aber ein "Hab ich immer so gemacht" war definitiv dabei. Den folgenden kurzen Plausch hielt ich mit einem der Azubis, der im Büro saß und sinnlos, aber dafür extrem langsam, auf irgendeiner Kurve auf dem Bildschirm herumklickte:

Staddicc: "Sag mal, trinkt Frau S. ihren Kaffee immer mit Apfelsaft?"
Er: "Ne, sonst eigentlich nicht."
"Dann wird sie das wohl mit Milch verwechselt haben. Sie meinte, sie hätte ihren Kaffee ihr ganzes Leben so getrunken."

In diesen eineinhalb Stunden in der Tagespflege traf ich auf einen Extremfall, der mich besonders beeindruckte. Ich bin nicht vom Fach, aber bei Frau R. ist dement wohl nicht mehr der richtige Ausdruck. Meine laienhafte Diagnose ging eher in die Richtung "Total durch". Ich war mit Frau R. in einem Nebenzimmer, damit sie die anderen nicht nervt. Meine Aufgabe bestand darin mich hinzusetzen und ein Auge auf sie zu haben. Dieser Mensch ist in der Tagespflege mit Sicherheit nicht richtig aufgehoben. Eine geschlossene Anstalt wäre wohl der richtigere Ort, denn Frau R. tut nichts anderes als im Zimmer hin- und herzugehen, hier und da mal an der Gardine rumzuzupfen, die meiste Zeit zu grinsen und dabei irgendwas zu brabbeln und zwischendurch ein "Ja ja... Haha! Ja ja ja...Haa" von sich zu geben. Sehr krass!

Apropos "ja ja". Die gleiche grundsätzlich Alles-annehmende Haltung hat auch Frau A. Allerdings gibt Frau A. ihr "Ja"s nur von sich, wenn sie angesprochen wird. Als Low und ich sie nachmittags allerdings nach Hause brachten haben wir wohl irgendwas in ihrem Kopf kaputtgemacht. Es war wie eine CD, die einen Sprung hat und bei der sich immer die gleiche Stelle wiederholt. "Ja ja ja ja ja ja ja ja ja ja ja ja..." und so weiter. Zugegeben, vielleicht war das neue KIZ-Album, das aus den Lautsprechern dröhnte etwas zu viel für sie, aber wir hatten das Glück, dass sie sich bald wieder beruhigte und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachging. Leute, die auf dem Bürgersteig vorbeiliefen zu begrüßen. Sie ruft dann permanent irgendwelchen Menschen "Hallo!?" (manchmal auch "Hallo? Ja...") zu. Normalerweise ergänzt sie ihre Begrüßungseinlagen noch damit an die Scheibe zu klopfen. Die verwirrten Gesichter der Leute sind dann immer unbeschreiblich. An diesem Tag allerdings saß sie in der Mitte der Reihe und hatte keine Möglichkeit die Aufmerksamkeit der Umwelt außerhalb des Autos tatsächlich aus sich zu lenken. Ich frage mich, ob sie früher schon so egozentrisch war... 

Sonntag, 16. August 2009

Zivi-Tagebuch 10.08 bis 16.-08.-09 - Eine Achterbahnfahrt der Gefühle...

...allerdings ohne richtige Höhepunkte. Meine zweite Woche als Zivildienstleistender war äußerst aufschlussreich. Nicht nur dank der Tatsache, dass ich jetzt weiß wie scheiße es ist am Wochenende arbeiten zu müssen, wenn alle anderen feiern.

Die Woche in Kurzform: Ein Hin und Her zwischen "Ist ja ganz chillig, nur etwas langweilig", "Die Pausen sind echt noch am besten..." und "Ich hab kein Bock mehr auf diese stumpfe Scheiße. Ich werde ausgebeutet bis auf´s Blut für einen kack Hungerlohn. Außer mir chillt hier doch jeder!!"

Nun die etwas ausführlichere Version: Die anfangs erwähnten Höhepunkte, die es nicht wirklich gab, waren solche kurzen, witzigen Momente die einem das Leben versüßen. Wie zum Beispiel die Angewohnheit alter Leute ihrem Körpergashaushalt freien Lauf zu lassen. Zum Beispiel einige Herren, die ich nachmittags nach Hause fahre... Ich bringe sie gerade noch zur Haustür, auf einmal höre ich hinter mir ein dumpfes "Pfffff" oder auch andere wesentlich deutlichere und vor allem lautere Furzgeräusche, die sich jetzt leider in keinerlei Buchstabenkombinationen zitieren lassen. Zugegeben, "versüßt"wird einem das Leben hierdurch nicht im klassischen Sinne... Versalzen oder überwürzt wäre wohl passender.

Eine andere Sache, die mir gehörig auf den Sack geht ist Herr B.

 Herr B. ist irgendwas zwischen Arthur Spooner und einem billigen Robert DeNiro-Fake, mit den Charakterzügen eines Major Payne. Was die Autofahrten angeht ist Herr B. ein sehr spezieller Typus. Herr B. genießt es sichtlich, wenn man ihm den Respekt erweist und ihm die Autotür aufmacht (Was allerdings bei praktisch jedem der Gäste unerlässlich ist... außer ihm). Ein weiterer nennenswerter Punkt ist, dass es Herr B. bevorzugt vorne zu sitzen. Und hier kommen Waldi und Ich ins Spiel. Wir waren eines Montag morgens unterwegs um die Tagesgäste von zu Hause abzuholen, zu denen Herr B. auch gehört. Als erstes luden wir Frau S. ein. Eine kleine, dicke aber witzige Frau. Sie saß hinten, nun kam Herr B. an die Reihe. Als wir ihn von der Wohnung abholten und zum Auto geleiteten versuchte sich Waldi an etwas Smalltalk mit ihm. Ein schlechte Idee, wie sich innerhalb der nächsten 90 Sekunden rausstellen sollte.

Eine Frau geht an ihnen vorbei:

"Die war hübsch. Finden sie nicht auch Herr B.?"

"Sach ich dir nich... geht dich gar nix an!"

Waldi nun ein wenig reserviert: "Hmm, war denn wenigstens ihr Wochenende schön?"

"Sach ich dir auch nich, geht dich auch nix an!! Is Privatsphäre, wer dummen Fragen stellt kriecht auch dumme Antworten."

Das er letztlich wieder aus dem Wagen ausgestiegen ist und schnurstracks zurück zu seiner Wohnung marschierte, wird wohl zum einen aus Waldis unerhört flegelhafter Aufdringlichkeit resultieren, als auch daher, dass er hinten neben Frau S. Platz nehmen sollte und es ihm so natürlich praktisch unmöglich war, an den Anschnallgurt zu kommen. Als ob ich mich für einen alten, komplexbehafteten Kauz, der sich verhält als hätte er kein Geld mehr für sein Vigra, nach hinten setzen würde... pff!

Übrigens ein weiterer Charakterzug Herrn B.s. Ich bin überzeugt, dass seine Libido tatsächlich irgendwo gefesselt, geknebelt und erbärmlich wimmernd in einem Kellerloch verscharrt ist, aber er verhält sich wie ein Vierzehnjähriger. Er geiert praktisch jede Frau an, die er aus dem Fahrzeug erpähen kann, unabhängig von Alter und körperlicher Beschaffenheit. So auch die Haushaltshilfe Her K.s, eines anderen Tagesgastes. Sie fuhr auf einem Fahrrad an uns vorbei, da sagt Herr B. zu Hern K.: "Is aber auch nen lecker Mädchen, ne!" Genaugenommen war es eine dicke Planschkuh, bei der ich mich gefragt habe wie viel Bar Druck wohl auf die Fahrradreifen gepumpt werden müsse. Aber Her B. wäre nicht Herr B. wenn er es bei realen Frauen belassen würde. Nein, vielleicht irgendjemand, aber doch nicht Herr B.! Herr B. ergötzt sich auch an Plakaten, die in einer Bahnhofsunterführung  hängen und für irgendeine Party werben. Auf diesen Plakaten war nämlich irgendeine Schlampe abgebildet, die ihre in einen viel zu kleinen, schwarzen BH gezwängten Titten in die Kamera hielt. "Das is doch mal nen lecker Mädchen, noch mit nem schönen Büstenhalter dazu. Da kommt Freude auf." Grund genug zum sabbern, oder?

Ja der Herr B. ist schon so eine Marke. Aber ich habe mittlerweile die außergewöhnliche Ehre, dass er es bei mir nicht mehr für angebracht hält vorne zu sitzen. Bei Subjekten, die seine heilige Dreifaltigkeit nicht mehr mit Freue erfüllen und seine Missgunst verdient haben, zieht Herr B. es vor freiwillig hinten zu sitzen! Dieses außerordentliche, diabolische Wunder konnte ich dadurch vollbringen, dass ich gesündigt habe:

"Na, weißte denn auch wo der nächste Second-Hand-Laden ist?"

"Nein Herr B., wieso?"

"Na damit du dir ma neue Puschen kaufen kannst. HA! Da guck sich mal einer diese Treter an, nennst du das Schuhe? Haha!!"

"Mensch Herr B., ich bin ein armer Zivi. Wenn man sich seine Schuhe im Second-Hand-Laden nicht einmal kaufen kann, sondern klauen muss, hat man leider nicht immer die größte Auswahl."

Der weitere Verlauf des Gesprächs war, ob ich denn schonmal bei der Bundeswehr war (Ich wollte ihm die Umstände meiner Arbeit dort dann nicht auch noch erklären), dort würde man uns schon die Eier kleinhauen. Eine harte Sau wie Her B. war  natürlich ganze 4 Jahre, in der Zeit von 1959 bis 1963, bei der Bundeswehr. Nicht nötig zu erwähnen, was für eine wahnsinnige Institution die Bundeswehr zu dieser Zeit war.

Aber der Höhepunkt mit Herr B. war bisher wirklich, als er auf einer Rückfahrt, nun natürlich von der Rückbank aus, ein wahres Gewitter an Schimpfwörtern auf mich niederprasseln ließ. Unglaublich, was für einen weit gefassten Sprachgebrauch dieser Mann hat. Hier nur ein paar Ausschnitte, die sich aber häufig wiederholten.

"Das Arschloch da vorne..."

"Alter Drecksack da..."

"So´n Wichser!"

Man muss ihm allerdings zu Gute halten, dass Herr B. das sporadische "Diese kleinen Pimpfe hier..." wohl mehr an das zivildienstleistende Kollektiv richtete und weniger an mich persönlich. Das freut mich immens.

Nun zu den buchstäblich beschissenen Arbeiten. In meinem letzten Bericht habe ich bereits kurz den Mülldienst erwähnt.... Der ist wirklich Kacke! Man muss mit einem Wagen von Haus zu Haus gehen und die Müllsäcke mit den vollgeschissenen Windeln (Ich habe sie liebevoll "Scheißebomben" getauft) einsammeln und zur Mulde bringen, wo sie entsorgt werden. Eine echte Drecksarbeit, doch damit nicht genug. Die so genannten "Schweineeimer" müssen ja auch entsorgt werden. Diese Eimer enthalten all das, was die alten Leute nicht gegessen haben. Klingt nicht so schlimm, ist es aber! Du kannst dir nicht vorstellen, wie ekelhaft dieser Mist mieft, vor allem aber der Raum, in dem die Tonnen stehen, in die das ganze Zeug reinkommt. Wunderschöner Sommer, Mittag, 27 Grad... Herrlich!

Und dann diese Fahrten mit dem Küchenbulli. Es werden zunächst alle Essensbehälter, die auch zu anderen wohltätigen Häußern gebracht werden eingeladen und anschließend ausgefahren. LANGSAM ausgefahren. Schließlich soll das ganze Zeug nicht durchs Auto fliegen. Und das langsam fahren ist nicht gerade eine meiner größten Stärken, was wohl auch der Grund der rundwar, als in einer Kurve ein Eimer mit Kaltgetränk umgeflogen ist. Aber hey, kein Problem... dank meines Charmes konnte ich die auswärtigen Küchenfrauen darüber ganz schnell hinwegsehenlassen, und zwar in Richtung meines knackigen Hinterns.

Wieder zurück werden natürlich erstmal die ganzen leeren Boxen, die ich mitbenommen habe ausgeräumt und auf irgendwelche Schiebewagen geladen. Und nun kommt der schönste Teil: Ich muss jeden Wagen einzeln in den Aufzug stellen, nach unten zur Küche fahren, runterhechten,  den Wagen aus dem Aufzug holen, den Aufzug wieder hochfahren, den Wagen wegstellen, wieder hochhechten und das ganze geht von vorne los. Nein, es ist nicht so kompliziert wie es beim lesen jetzt vielleicht den Eindruck macht, aber ich wette du bist trotzdem nicht mitgekommen!? Du kannst dir vermutlich vorstellen, dass das ganze höllisch Spass macht.

Der Wochenenddienst hingegen war relativ entspannend, zwar standen auch die üblichen Arbeiten an wie sonst, aber es ich teilte sie mir mit einem anderen Zivi. Ich freue mich jetzt schon, wenn ich das  alles endlich alleine machen kann. JIIHAAA! Und so vertrieb ich mir die Zeit damit die alten Leute zum trinken zu motivieren oder zu füttern... Pardon, ihnen das Essen anzureichen. Ersteres war natürlich bei einer Person überhauptkein Problem, Frau L.! Genau, Frau L. ist die 68er Kampftrinkweltmeisterin aus dem letzten Zivildienstpost.

Zwischendurch fragte ich mich wirklich, wie es mir nur möglich sei, meine Zeit dort anders zu gestalten oder sogar zu verkürzen. Ich könnte zum Beispiel das Stammhaus wechseln, aber dort würde ich den ganzen Tag nur füt... Essen anfütt... Verdammt! Ihr wisst, was ich meine.

So wird es wenigstens nicht langweilig und ich bin erstaunt, an was man sich nicht alles gewöhnen kann. Obwohl ich zugeben muss, dass es mich gehörig nervt, den Dingen, denen ich sonst in meiner Freizeit nachgegangen bin, nicht mehr so viel Zeit widmen kann wie ich mir wünschen würde. Das liegt auch an den Überstunden, die ich ständig machen muss, wenn die Tagesgäste nach Hause gefahren werden. Dank diesen zahllosen Gammelfleischtransporten ist es praktisch unmöglich pünktlich um halb 5 wieder da zu sein. Aber was soll´s, so sammel ich wenigstens Überstunden, die aufaddiert werden und für die ich irgendwann frei bekomme. Wenn ich sie bis zum Schluss aufspare und ich keinen Urlaub nehme, werde ich problemlos einen guten Monat früher aufhören können. So wird es allerdings nicht kommen, da es schließlich noch andere Sachen gibt, die erlebt und anschließend auf diesem Blog veröffentlicht werden wollen.